Zwischen Nebel und Wasser: Die unheimliche Legende vom Drak auf Rügen

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In einer dämmernden Nacht zieht ein unheimliches Licht über die stillen Gewässer der Having auf Rügen. Während die meisten Fischer in Panik fliehen, bleibt einer – verführt von Gier und dem Glanz blinkender Münzen – allein mit dem geheimnisvollen Drak zurück.

Die Dämmerung ist dicht über der Having. Kaum Bewegung auf dem Wasser, nur das Schwappen der Wellen an den Bootsbäuchen, das entfernte Summen eines Motors. Fischer sitzen am Ufer, rauchen. Alt Reddevitz, ein Dorf am Südende von Rügen, pflegt das Handwerk seit Generationen. An jenem Abend – das Jahr bleibt in den Erzählungen ungenannt – sitzen sie wie immer schweigend beisammen, hören auf das Wasser und auf ihre Erinnerungen.

Dann unterbricht ein Licht ihre Routinen. Eines, das aus Richtung Sellin über die Having zieht. Erst klein. Dann größer. Schließlich kann keiner mehr wegsehen. Einer der Ältesten, Martin Besch, ist der erste, der den Namen ausspricht, ohne den hier keine Nacht am Bodden vergeht: Drak.

Die Sagengestalt, die im Volksmund oft zum schlechten Omen erklärt wird, erscheint in den Überlieferungen der Gegend in verschiedensten Formen: als Irrlicht, als Drache, als goldstrahlender Dämon. In der Having wird er zum Protagonisten einer Begebenheit, die als Mahnung unter den Reddevitzern weitergegeben wird – mal als Warnung, mal als Erzählung zur Unterhaltung.

Als das Licht sich nähert, wird es zur Bedrohung. Besch steht auf, zieht die Mütze tief in die Stirn. „Ich bleibe nicht hier“, sagt er, den Blick am Horizont, den Tabak im Mundwinkel, und geht. Wer glaubt, Altgediente hätten keine Angst, irrt. Die anderen folgen. Einzig einer – in den Versionen der Erzählung mal alt, mal jung, mal großmäulig, mal lebensklug – bleibt zurück: Karsten Kliesow.

Er bleibt. Vielleicht bleibt er, weil er weniger Angst kennt. Vielleicht aber auch, weil das Versprechen des Drak lockt: Reichtum, schnelles Glück. „Lasst ihn nur kommen, den Drak“, soll Kliesow gemurmelt haben. „Wenn er kommt, bringt er auch Geld mit. Damit kann er mir das ganze Boot vollschütten.“ Man erzählt, er habe gezuckt, als das Licht sich weiter vergrößerte und direkt auf ihn zuhielt, dann wieder habe er stur ausgeharrt, den Blick nach vorn gerichtet.

Die Versionen, die im Dorf überlebt haben, stimmen im Kern überein: Das Licht kommt, es ist gleißend hell, Kliesow zögert kurz, steigt hastig ins Boot und rudert hinaus. Auf dem Wasser glaubt er, in Sicherheit zu sein. Doch der Drak lässt nicht ab. Er schlängelt dem Boot hinterher, verfolgt es leise gleitend, bis die Having tief unter den Ruderschlägen liegt. Hier geschieht, wofür die Sage sich Zeit lässt. Der Drak – jetzt kein Licht mehr, sondern eine Form, die alles auszufüllen scheint – springt ins Boot, klappert, poltert. Das Boot füllt sich, binnen Sekunden, mit Talern, blank, hell, blinkend. Kliesow, überwältigt von seinem Glück, schöpft und schöpft.

Die Fischer am Ufer beobachten von Weitem, wie die Kontur des Bootes immer tiefer im Wasser liegt. „Je mehr, desto besser“, hört man Kliesow murmeln. Doch aus dem Unglück kommt kein Glück. Das Boot sinkt, mit ihm der Fischer und sein Schatz. Das Wasser schließt sich, ein letzter Schrei hallt bis an den Driftenberg zurück. Am Ende steht, was einer am Ufer zusammenfasst: „Mit Karsten Kliesow ist es aus. Der Drak hat ihn geholt.“

Die Geschichte, die seit jener Nacht erzählt wird, ist über das Dorf hinaus gewachsen. Rügen feiert sie, Boddendörfer behalten sie in ihrem Sagenschatz, Tourist:innen begegnen ihr auf Infotafeln am Wanderweg, mit Blick auf die Having, die in Sommernächten so friedlich aussieht, dass selbst Kinder die alten Geschichten für bloße Lügenmärchen halten könnten.

Doch was bleibt, ist nicht nur das Lokalkolorit einer Fischer-Sage. Der Drak der Having ist mit den anderen Wassergeistern der Region verwandt. Aus Norwegen kennt man den Nøkk, aus Irland den Clurichaun, im friesischen Wattenmeer den Irrwisch. Immer wieder sind es Lichtgestalten, manchmal freundlich, meist ambivalent. Themen bleiben gleich: Reichtum, Gier und die Aussicht, der Natur ein Schnippchen zu schlagen. Die Fischer, die darüber wachen, sehen sich als Wächter alter Regeln – die gute Ernte, sagen sie, kommt nicht ohne Verzicht.

Historikerinnen verweisen auf Zusammenhänge zwischen Lichtphänomenen und Sümpfen, auf die Rolle von Wetterleuchten und Irrlichtern, die in Zeiten ohne Elektrizität das Unerklärliche erklärbar machten. Immer wieder ist überliefert, wie solche Lichter Menschen auf das Wasser lockten, manchmal ins Verderben. Auch das Motiv des „Schatzfänger“-Syndroms, das in der Having-Sage steckt, findet sich in ähnlichen Überlieferungen an der Nordseeküste. Der Fischer, der zu viel will, wird verführt – und verschwindet.

Vor Ort jedoch, in Alt Reddevitz, steht weniger der Schrecken im Vordergrund als das Bewahren. Es gibt eine kleine Sammlung, in einem Glaskasten am Dorfrand, in dem neben alten Fischbestecken und Fangbüchern auch Notizen liegen, die Opa Kruse einmal aufgeschrieben hat: Bruchstücke der alten Sage, handschriftlich, mit Flecken von Teer und Kaffee. Kinder stehen davor, lesen, lachen. Sie fragen: „Glaubst du an den Drak?“

Die Erwachsenen lachen selten. Sie erzählen, dass man nachts manchmal doch ein Licht sieht, über dem Wasser, und dass es besser ist, das Boot festzumachen, bevor man sich in den Nebel begibt. Manche zeigen auf den Bodden, nicht aus Überzeugung, sondern weil Geschichten Wirklichkeit formten, wann immer Unsicherheit das Dorf erreichte.

So bleibt die Having, bei Tag so einladend, bei Nacht ein Ort, der Geschichten gebiert, Legenden bewahrt und die eigenen Regeln verteidigt. Weder Drohung noch Versprechen. Sie ist, was sie zu sein vorgibt: eine Bucht, auf der vieles möglich scheint. Ein Fischer verschwindet, ein Licht taucht auf, das Dorf erzählt weiter – und der Drak, heißt es, sucht immer noch nach neuen Geschichten, die jemand glaubt.