Zwei Namen mitten in Iowa
Wer von Denison aus auf dem U.S. Highway 59 nach Norden fährt, erlebt zunächst das typische Bild West-Iowas. Mais- und Sojabohnenfelder reichen bis an den Horizont. Dazwischen stehen einzelne Farmen, Getreidesilos und Windkraftanlagen. Die Landschaft wirkt ruhig, fast gleichförmig. Umso überraschender ist der Moment, in dem am Straßenrand ein grünes Ortsschild auftaucht.
Schleswig.
Rund vierzig Kilometer weiter nördlich erscheint ein zweites.
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Jetzt bei Google einstellenHolstein.

Für die Menschen in Iowa sind diese Namen selbstverständlich. Für Besucher aus Deutschland dagegen wirken sie wie ein geographischer Zufall. Schleswig und Holstein gehören seit Jahrhunderten zusammen. Dass beide Namen ausgerechnet in der amerikanischen Prärie wieder auftauchen, ist jedoch kein Zufall. Sie gehen auf eine Einwanderungsgeschichte zurück, die im 19. Jahrhundert ihren Anfang nahm.
Damals befanden sich die Vereinigten Staaten in einer Phase rasanten Wachstums. Mit jeder neuen Eisenbahnlinie entstanden Städte, Märkte und landwirtschaftliche Siedlungen. Gleichzeitig verließen Hunderttausende Europäer ihre Heimat. Auch aus Schleswig-Holstein wanderten zahlreiche Familien aus. Die Gründe unterschieden sich von Familie zu Familie. Wirtschaftliche Schwierigkeiten, knapper werdendes Ackerland, politische Veränderungen nach den Kriegen um Schleswig und Holstein sowie die Aussicht auf eigenes Land in Amerika gehörten zu den wichtigsten Faktoren, die Historiker für diese Auswanderungsbewegung nennen.
Viele Einwanderer erreichten zunächst die größeren deutschen Gemeinden im Osten Iowas. Davenport entwickelte sich bereits seit den 1850er Jahren zu einem Zentrum deutschsprachiger Einwanderer. Von dort zog es zahlreiche Familien weiter nach Westen. Die Eisenbahngesellschaften erschlossen fortlaufend neue Gebiete, auf denen fruchtbares Land vergleichsweise günstig erworben werden konnte.
Eine dieser frühen Ansiedlungen entstand im heutigen Ida County.
Bereits 1868 entwickelte sich dort eine kleine deutsch geprägte Siedlung, die in den örtlichen Chroniken schlicht als German Settlement bezeichnet wird. Mittelpunkt war das Anwesen von Henry Thielmann und seiner Frau. Sie betrieben eine Schmiede, einen Saloon und einen Tanzsaal – Einrichtungen, die in einer dünn besiedelten Agrarlandschaft weit mehr waren als bloße Gewerbebetriebe. Hier wurden Werkzeuge repariert, Waren gehandelt und Neuigkeiten ausgetauscht. Der Ort entwickelte sich zu einem Treffpunkt der deutschsprachigen Siedler in der Umgebung.
Den entscheidenden Wandel brachte die Eisenbahn.
Als 1882 eine Strecke durch Ida County gebaut wurde, entstand rund zwei Meilen vom ursprünglichen German Settlement entfernt ein neuer Siedlungsschwerpunkt entlang der Gleise. Wie vielerorts im amerikanischen Westen entschied der Bahnanschluss darüber, wo eine Stadt wachsen konnte. Händler, Handwerker und Farmer orientierten sich an der neuen Strecke, weil von hier aus Getreide und Vieh leichter zu den Märkten transportiert werden konnten.
Zu den frühen Siedlern gehörte Jochim Thode, der einige Jahre zuvor aus New Holstein im Bundesstaat Wisconsin in das Gebiet gezogen war. Nach den örtlichen Chroniken schlug er vor, den neuen Ort Holstein zu nennen – eine Erinnerung an die norddeutsche Herkunft vieler Bewohner. Thode wurde später zum ersten Bürgermeister der jungen Gemeinde gewählt.
Der Name war keine nostalgische Spielerei. Er machte deutlich, dass die Siedler ihre Herkunft nicht vergessen hatten. Gleichzeitig verstanden sie sich als Teil ihrer neuen Heimat. Die Stadt entstand nicht als deutsche Kolonie außerhalb Amerikas, sondern als amerikanische Gemeinde mit überwiegend deutschstämmigen Bewohnern.
Bereits wenige Jahre nach ihrer Gründung entwickelte sich Holstein bemerkenswert schnell. Zeitgenössische Ortschroniken nennen für das Jahr 1883 zwei Hotels, mehrere Gemischtwarenläden, vier Getreidespeicher, eine Bank, Schmieden, Arztpraxen und mehrere Saloons. Rund 400 Menschen lebten damals im Ort – für eine erst wenige Monate zuvor gegründete Eisenbahnstadt ein beachtliches Wachstum.
Auch kulturell blieb der Einfluss der Einwanderer sichtbar.
1884 erschien mit dem Holstein Bulletin eine Zeitung, die sowohl auf Deutsch als auch auf Englisch veröffentlicht wurde. Im selben Jahr gründeten Einwohner den Holstein Turnverein. Solche Vereine waren in vielen deutsch geprägten Gemeinden Nordamerikas wichtige gesellschaftliche Zentren. Sie boten nicht nur sportliche Aktivitäten an, sondern organisierten Vorträge, Tanzveranstaltungen und Feste. 1889 erhielt der Verein mit dem Bau einer eigenen Turnhalle ein dauerhaftes Zuhause.
Ebenso entstanden verschiedene Kirchengemeinden. Die St. Paul Evangelical Lutheran Church organisierte sich bereits 1883, wenig später folgten weitere evangelische und katholische Gemeinden. Sie prägten das religiöse Leben der wachsenden Stadt ebenso wie Schulen, Geschäfte und landwirtschaftliche Betriebe.
Während Holstein seinen Platz an der neuen Eisenbahn gefunden hatte, sollte wenige Jahre später rund vierzig Kilometer südlich eine weitere deutsch geprägte Gemeinde entstehen.
Ihr Name lautete Schleswig.
Als Hohenzollern nach Osten zog
Die Geschichte Schleswigs beginnt mit einem Ort, den es heute auf keiner Landkarte mehr gibt.
Etwa zwei Kilometer westlich des heutigen Stadtgebiets lag bis zum Ende des 19. Jahrhunderts die kleine Siedlung Hohenzollern. Sie bestand aus wenigen Gebäuden, einer Schmiede, einem Gemischtwarenladen, einem Saloon und einer Tanzhalle. Im Mittelpunkt stand der aus Deutschland stammende Jürgen – in amerikanischen Quellen meist Jurgen – Schroeder. Gemeinsam mit seiner Frau Johanna hatte er den Ort über Jahre zu einem Treffpunkt der deutschstämmigen Farmer in der Umgebung aufgebaut. Schroeder betrieb nicht nur die Schmiede und den Laden, sondern war auch Postmeister des örtlichen Postamtes.
Wie viele kleine Ansiedlungen im amerikanischen Westen hing jedoch auch Hohenzollerns Zukunft von einer Frage ab: Würde die Eisenbahn kommen?
Die Antwort fiel anders aus, als viele Einwohner zunächst gehofft hatten.
Im Oktober 1898 wurde die Boyer Valley Railroad Company gegründet. Die neue Nebenstrecke sollte Boyer mit Mondamin verbinden und quer durch Crawford County verlaufen. Anders als Hohenzollern lag der geplante Bahnhof jedoch weiter östlich auf Land, das Heinrich und Cathrine Suckstorf gehörte. Anfang März 1899 erwarb die Western Town Lot Company – eine Tochtergesellschaft der Chicago & North Western Railway – knapp 115 Acres dieses Grundstücks. Anschließend wurde das Gelände vermessen und in Bauparzellen aufgeteilt.
Damit verlagerte sich das wirtschaftliche Zentrum der Gegend innerhalb weniger Monate.
Am 11. Mai 1899 kamen Kaufinteressenten zur Versteigerung der ersten Grundstücke zusammen. Nach der Ortschronik herrschte Volksfeststimmung. Das teuerste Grundstück – für eine Bank vorgesehen – erzielte 600 Dollar. Für zahlreiche weitere Parzellen fanden sich ebenfalls Käufer. Mittags veranstalteten die Anwesenden sogar ein gemeinsames Picknick an der künftigen Bahnlinie. Noch bevor die ersten Gebäude entstanden, war klar, dass hier eine neue Gemeinde wachsen würde.
Den Namen durfte Heinrich Suckstorf auswählen.
Er entschied sich für Schleswig.

Die Ortschronik erklärt diese Wahl mit der Herkunft vieler Siedler aus der damaligen preußischen Provinz Schleswig-Holstein. Anders als gelegentlich behauptet wird, gibt es jedoch keinen Hinweis darauf, dass der Name bewusst als Ergänzung zum bereits bestehenden Holstein gewählt wurde. Beide Orte tragen zwar die beiden Landesteile im Namen, doch nach heutigem Forschungsstand entstanden ihre Bezeichnungen unabhängig voneinander.
Während die Vermessungsingenieure die Straßen anlegten, stellte sich für die Bewohner Hohenzollerns eine praktische Frage.
Sollte man bleiben?
Oder mit dem neuen Bahnhof umziehen?
Viele entschieden sich für Letzteres.
Die Ortschronik berichtet, dass zahlreiche Gebäude an den neuen Standort transportiert wurden. Jurgen Schroeders Schmiede wurde versetzt und später zu seinem Wohnhaus umgebaut. Auch seine Tanzhalle, der Pferdestall, der Saloon und das zweistöckige Geschäftsgebäude fanden in Schleswig einen neuen Platz. Andere Farmer verfuhren ähnlich und verlegten Wohnhäuser oder Wirtschaftsgebäude näher an die Bahnlinie.
Wie dieser Umzug technisch ablief, überliefert die Chronik allerdings nicht. Sie beschreibt lediglich, dass Gebäude versetzt wurden – nicht auf welche Weise. Für die Bewohner zählte ohnehin das Ergebnis: Innerhalb kurzer Zeit verlagerte sich das öffentliche Leben vollständig an den neuen Standort.
Der Umbruch fiel für Jurgen Schroeder jedoch nicht nur geschäftlich in eine bewegte Zeit.
Noch bevor das neue Wohnhaus fertiggestellt war, starb seine Frau Johanna. Die Ortschronik erwähnt ihren Tod ohne ausführliche Erläuterung, doch er gehört zu den wenigen persönlichen Ereignissen, die aus den Gründungsjahren überliefert sind. Schroeder blieb dennoch eine prägende Persönlichkeit des jungen Ortes. Er führte seine Geschäfte weiter und gehörte später dem ersten Stadtrat Schleswigs an.
Bereits am 24. Juli 1899 erreichte nach Angaben der Ortschronik der erste Zug die neue Station. Die Bewohner gaben der Bahnlinie bald den Spitznamen „Punkin Vine“, ein im Mittleren Westen gebräuchlicher Ausdruck für langsam fahrende Nebenbahnen.
Mit der Eisenbahn kamen Händler, Handwerker und neue Siedler.
Im November desselben Jahres wurde auch das Postamt von Hohenzollern offiziell nach Schleswig verlegt. Jurgen Schroeder, der das Postamt bereits zuvor geleitet hatte, blieb zunächst Postmeister. Aus der kleinen Ansiedlung war innerhalb weniger Monate eine eigenständige Gemeinde geworden.
Am 16. Januar 1900 wurde Schleswig offiziell als Stadt eingetragen. Erster Bürgermeister war der Drogist C. C. Walters.
Wie in Holstein spielte auch in Schleswig die deutsche Sprache zunächst eine wichtige Rolle.

Bereits 1899 erschien mit dem Schleswig Herold eine deutschsprachige Wochenzeitung. Herausgeber war Max R. Hueschen. Vier Jahre später entstand daraus The Leader, eine überwiegend englischsprachige Zeitung, die zunächst jedoch weiterhin einen deutschsprachigen Teil enthielt. Erst um 1910 verschwand dieser vollständig.
Dieser Übergang erzählt viel über die Entwicklung der Gemeinde.
Deutsch blieb noch lange Alltagssprache vieler Familien. Gleichzeitig wuchsen die Kinder in amerikanischen Schulen auf und bewegten sich zunehmend selbstverständlich zwischen zwei Sprachen. Der Wechsel zum Englischen begann deshalb nicht erst mit dem Ersten Weltkrieg. Er setzte bereits in den Jahren zuvor langsam ein – ein Zeichen dafür, dass Integration und Bewahrung der eigenen Herkunft keine Gegensätze sein mussten.
Auch das religiöse Leben spiegelte diese Entwicklung wider. 1903 entstand die Friedens Evangelical Lutheran Church, 1912 folgte die Immanuel Lutheran Church. Beide Gemeinden wurden von Einwanderern und ihren Familien getragen und prägten das gesellschaftliche Leben des jungen Ortes über Jahrzehnte.
Als Schleswig zu Beginn des 20. Jahrhunderts Gestalt annahm, hatten die beiden Orte Holstein und Schleswig bereits vieles gemeinsam. Beide waren durch die Eisenbahn entstanden. Beide waren von deutschstämmigen Siedlern geprägt. Beide entwickelten ein reges Vereins- und Gemeindeleben.
Dann veränderte ein Krieg auf der anderen Seite des Atlantiks auch das Leben in den kleinen Städten Iowas.
Als Deutsch plötzlich verdächtig wurde
Als im August 1914 in Europa der Erste Weltkrieg begann, verfolgten die Bewohner Schleswigs und Holsteins die Ereignisse zunächst aus der Ferne. Viele Familien hatten noch Verwandte in Deutschland. Briefe überquerten den Atlantik, deutschsprachige Zeitungen berichteten über den Krieg, und in den Kirchengemeinden wurde für Angehörige auf beiden Seiten des Ozeans gebetet. Die Vereinigten Staaten blieben zunächst neutral. Für die deutschstämmigen Gemeinden in Iowa änderte sich im Alltag wenig.
Das änderte sich im Frühjahr 1917.
Mit dem Kriegseintritt der Vereinigten Staaten gegen das Deutsche Reich wandelte sich die öffentliche Stimmung spürbar. Aus einer der größten Einwanderergruppen des Landes wurde innerhalb kurzer Zeit eine Bevölkerungsgruppe, deren Loyalität vielerorts infrage gestellt wurde. Deutschsprachige Zeitungen verloren Leser oder stellten ihr Erscheinen ein. Schulen reduzierten den Deutschunterricht oder schafften ihn ganz ab. Vereine mit deutschem Hintergrund gerieten ebenso unter Rechtfertigungsdruck wie Kirchengemeinden, die weiterhin Gottesdienste in deutscher Sprache abhielten.
Auch Iowa blieb von dieser Entwicklung nicht verschont.
Am 23. Mai 1918 veröffentlichte Gouverneur William L. Harding die sogenannte Babel Proclamation. Die Anordnung schrieb vor, dass in öffentlichen, privaten und konfessionellen Schulen ausschließlich Englisch unterrichtet werden sollte. Darüber hinaus sollte Englisch auch in öffentlichen Gesprächen, bei öffentlichen Versammlungen, am Telefon und in Gottesdiensten verwendet werden. Harding begründete die Maßnahme mit der nationalen Einheit während des Krieges. Tatsächlich traf sie vor allem jene Regionen, in denen Deutsch bis dahin selbstverständlicher Teil des Alltags gewesen war.
Die Auswirkungen reichten weit über den Unterricht hinaus.
In vielen Gemeinden wechselten Pastoren ins Englische, obwohl zahlreiche Gemeindemitglieder Deutsch besser verstanden. Zeitungen stellten ihre deutschen Rubriken ein. Eltern entschieden sich zunehmend dafür, mit ihren Kindern ausschließlich Englisch zu sprechen. Für viele Familien war dies keine freiwillige kulturelle Entscheidung, sondern eine Reaktion auf den politischen und gesellschaftlichen Druck jener Jahre.
Historiker beschreiben die Kriegszeit in Iowa als Phase ausgeprägter antideutscher Stimmung. Die State Historical Society of Iowa verweist unter anderem auf Boykotte deutscher Einrichtungen, öffentlichen Druck zum Kauf von Kriegsanleihen, die Schließung deutschsprachiger Zeitungen und das Verbrennen deutscher Bücher. Die Babel Proclamation wurde zwar bereits im Dezember 1918 wieder aufgehoben, doch ihre Folgen wirkten weit über das Kriegsende hinaus.
Wie sich diese Entwicklung konkret auf Schleswig und Holstein auswirkte, lässt sich heute nur teilweise nachvollziehen.
Fest steht, dass der Sprachwechsel bereits vor dem Ersten Weltkrieg begonnen hatte. In Schleswig war die 1899 gegründete deutschsprachige Wochenzeitung Schleswig Herold bereits 1903 in die überwiegend englischsprachige Zeitung The Leader übergegangen. Zunächst erschien sie noch mit einem deutschsprachigen Teil, doch spätestens um 1910 verschwand auch dieser. Der Übergang vom Deutschen zum Englischen war somit kein ausschließliches Ergebnis der Kriegsjahre, sondern Teil eines längerfristigen Integrationsprozesses.
Auch für Holstein lässt sich beobachten, dass die frühen zweisprachigen Zeitungen im Laufe der Zeit vollständig englischsprachig wurden. Die Entwicklung verlief schrittweise und entsprach einem Muster, das Historiker in vielen deutsch-amerikanischen Gemeinden des Mittleren Westens feststellen.
Gerade deshalb wäre es zu einfach, den Verlust der deutschen Sprache allein auf die Babel Proclamation zurückzuführen.
Die staatlichen Maßnahmen von 1918 beschleunigten eine Entwicklung, die bereits eingesetzt hatte. Gleichzeitig verstärkten sie das Gefühl vieler deutschstämmiger Amerikaner, ihre Herkunft im öffentlichen Leben weniger sichtbar zu machen. Deutsch blieb in manchen Familien noch über Jahre erhalten, doch Englisch wurde nun endgültig zur Sprache der nächsten Generation.
Bemerkenswert ist dabei weniger, was verschwand, sondern was blieb.
Weder Schleswig noch Holstein änderten ihren Namen. Beide Gemeinden entwickelten sich nach dem Ersten Weltkrieg weiter, wuchsen mit der Landwirtschaft der Region und blieben feste Bestandteile ihrer Countys. Anders als bei der Sprache gibt es keinen Hinweis darauf, dass ihre Ortsnamen offiziell zur Disposition standen oder geändert werden sollten. Gerade deshalb erzählen sie bis heute von der Herkunft ihrer Gründer – ganz ohne erklärende Zusätze oder Denkmäler.
In den folgenden Jahrzehnten rückte die Einwanderungsgeschichte zunehmend in den Hintergrund. Die Kinder und Enkel der Gründer dienten in amerikanischen Streitkräften, besuchten englischsprachige Schulen und verstanden sich selbstverständlich als Amerikaner. Die deutsche Herkunft blieb Teil der Familiengeschichte, bestimmte den Alltag jedoch immer weniger.
Und dennoch ist sie bis heute nicht verschwunden.
Wer heute die Archive der beiden Städte durchsucht, stößt auf Gründungsprotokolle, Kirchenregister und Zeitungen, in denen deutsche Namen allgegenwärtig sind. Sie erinnern daran, dass Schleswig und Holstein nicht zufällig entstanden sind. Beide Orte verdanken ihre Existenz Menschen, die aus Norddeutschland aufbrachen, in Iowa neues Land fanden und dort Gemeinden gründeten, deren Namen bis heute eine Brücke über den Atlantik schlagen.
Was geblieben ist
Mehr als 125 Jahre nach ihrer Gründung unterscheiden sich Schleswig und Holstein auf den ersten Blick kaum von anderen Kleinstädten im ländlichen Iowa. Die Landwirtschaft bestimmt weiterhin das Umland, entlang der Hauptstraßen finden sich Banken, Werkstätten, Restaurants und kleine Geschäfte. Viele Bewohner pendeln in größere Städte der Region, andere arbeiten auf Familienbetrieben, die seit Generationen bestehen.
Wer jedoch genauer hinschaut, entdeckt Spuren der Vergangenheit.
Sie beginnen bei den Namen.
In den frühen Einwohnerverzeichnissen und Kirchenbüchern tauchen Familiennamen auf, die bis heute zum Ortsbild gehören: Claussen, Detlefsen, Jepsen, Krohnke, Petersen, Rohwer oder Schroeder in Schleswig; Thielmann, Schneckloth, Andresen, Sindt und Thode in Holstein. Für Genealogen sind sie wichtige Anhaltspunkte, um Familiengeschichten zwischen Norddeutschland und dem Mittleren Westen nachzuzeichnen.
Auch die Geschichte der beiden Orte wird bewusst gepflegt.
Holstein erinnert in seiner Stadtgeschichte an das sogenannte „German Settlement“, an Henry Thielmann und an Jochim Thode, der den Namen der Stadt vorschlug und ihr erster Bürgermeister wurde. Der 1884 gegründete Turnverein gilt bis heute als Teil der frühen Stadtgeschichte und steht exemplarisch für die Bedeutung deutscher Vereine im amerikanischen Mittleren Westen.
Schleswig bewahrt seine Entstehungsgeschichte ebenfalls sorgfältig. Die Ortschronik dokumentiert die Entwicklung von Hohenzollern zur Eisenbahnstadt Schleswig ebenso wie die ersten Grundstücksverkäufe, die Gründung der Zeitung und den Aufbau der Kirchengemeinden. Dass eine Gemeinde ihre eigene Geschichte so detailliert festhält, ist keine Selbstverständlichkeit. Für Historiker sind diese Chroniken heute wertvolle Quellen zur Einwanderungsgeschichte des Bundesstaates Iowa.
Die deutsche Sprache dagegen ist weitgehend verschwunden.
Dafür gibt es mehrere Gründe. Bereits vor dem Ersten Weltkrieg setzte in beiden Orten ein schrittweiser Wechsel vom Deutschen zum Englischen ein. Die antideutsche Stimmung während des Krieges beschleunigte diesen Prozess zusätzlich. Spätestens nach dem Zweiten Weltkrieg wuchs eine Generation heran, für die Deutsch kaum noch Alltagssprache war. Die kulturelle Identität blieb erhalten, die sprachliche hingegen verlor sich über die Jahrzehnte.
Statt Sprache traten andere Formen der Erinnerung.
In Schleswig gehört dazu bis heute das Calf Show Festival. Die Veranstaltung entstand Ende der 1940er-Jahre und entwickelte sich zu einem festen Bestandteil des Gemeindelebens. Anders als gelegentlich behauptet, geht sie nicht unmittelbar auf die Gründerzeit zurück. Sie spiegelt vielmehr die Bedeutung der Rinderhaltung und Landwirtschaft für die Region nach dem Zweiten Weltkrieg wider. Gerade dadurch zeigt sie, wie sich Traditionen verändern können: Nicht alles, was heute als typisch für einen Ort gilt, stammt bereits von seinen Gründern.
Auch Holstein entwickelte im Laufe des 20. Jahrhunderts eine eigene Identität, die weit über die Herkunft der ersten Siedler hinausreichte. Landwirtschaft, Handel und später kleinere Industriebetriebe prägten die wirtschaftliche Entwicklung. Die Stadt blieb eng mit ihrer deutschen Vergangenheit verbunden, definierte sich jedoch zunehmend über ihre Rolle als modernes Zentrum im Ida County.
Für Familienforscher auf beiden Seiten des Atlantiks besitzen Schleswig und Holstein dennoch bis heute eine besondere Bedeutung.
Wer in Norddeutschland nach ausgewanderten Vorfahren sucht, stößt häufig auf Kirchenbücher, Passagierlisten oder Volkszählungen, die schließlich nach Iowa führen. Umgekehrt reisen immer wieder Nachfahren deutscher Einwanderer nach Schleswig-Holstein, um die Dörfer ihrer Urgroßeltern kennenzulernen. Archive, genealogische Vereine und digitale Datenbanken haben diese Spurensuche in den vergangenen Jahren erheblich erleichtert.
So entstehen neue Verbindungen zwischen Orten, die durch einen Ozean getrennt sind und doch eine gemeinsame Geschichte teilen.
Vielleicht liegt genau darin die eigentliche Besonderheit von Schleswig und Holstein in Iowa.
Sie sind keine Freilichtmuseen deutscher Auswanderung. Wer heute durch ihre Straßen geht, findet keine künstlich bewahrte Vergangenheit. Die Menschen leben ein ganz normales amerikanisches Kleinstadtleben. Sie besuchen Footballspiele, engagieren sich in Kirchengemeinden oder Gemeinderäten und arbeiten in Berufen, die sich kaum von denen anderer ländlicher Regionen unterscheiden.
Gerade deshalb wirken die beiden Ortsnamen bis heute so bemerkenswert.
Sie sind keine touristische Attraktion und keine nachträgliche Erfindung. Sie stammen aus einer Zeit, in der Einwanderer neue Städte gründeten und ihnen Namen gaben, die sie an ihre Herkunft erinnerten. Mehr als ein Jahrhundert später stehen diese Namen noch immer auf den Ortsschildern.
Schleswig.
Holstein.
Sie erinnern an Menschen, die ihre Heimat verließen, ohne sie vollständig hinter sich zu lassen. Ihre Geschichte erzählt nicht von einer unveränderten deutschen Enklave in Amerika. Sie erzählt vielmehr davon, wie Einwanderer in einer neuen Heimat Wurzeln schlugen, sich integrierten und zugleich einen Teil ihrer Herkunft bewahrten.
Vielleicht ist genau das die eigentliche Botschaft dieser beiden kleinen Städte in Iowa. Heimat lässt sich nicht konservieren. Sie verändert sich mit jeder Generation. Doch manchmal genügt ein Ortsname, um die Erinnerung an ihren Ursprung lebendig zu halten.
